Begegnung, gesellschaftliche Verantwortung und Dialog im Mittelpunkt des 30. Tages der offenen Moschee
Köln, 5. Oktober 2026. Über 5.000 Besucherinnen und Besucher kamen am 3. Oktober zum Tag der offenen Moschee in die Zentralmoschee Köln. Unter dem bundesweiten Motto „Moscheen als Träger der gesellschaftlichen Verfasstheit“ öffnete das Haus mit einem ganztägigen Programm Räume für Begegnung, Information, religiöse Erfahrung und gesellschaftlichen Austausch. Der diesjährige Tag der offenen Moschee verband mehrere besondere Bezugspunkte: den Tag der Deutschen Einheit, 77 Jahre Grundgesetz, den 30. bundesweiten Tag der offenen Moschee und in Köln 20 Jahre Kölner Friedensverpflichtung. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Beitrag Moscheen als religiöse und zivilgesellschaftliche Orte für Verantwortung, Zusammenhalt und ein friedliches Miteinander leisten können.
Zur zentralen Auftaktveranstaltung begrüßte das MoscheeForum den Oberbürgermeister der Stadt Köln, Torsten Burmester, den DITIB-Bundesvorsitzenden Ramazan Ilıkkan, den Bezirksbürgermeister von Köln-Ehrenfeld, Volker Spelthann, den DITIB-Generalsekretär Eyüp Kalyon, Dr. Zekeriya Altuğ, Leiter der DITIB-Abteilung Gesellschaft und Institutionelle Zusammenarbeit, sowie Bettina Baum, Leiterin des Amtes für Integration und Vielfalt der Stadt Köln.
Moderiert wurde die Auftaktveranstaltung von Merve Kamberoğlu, einer Moschee-Guide der Zentralmoschee Köln. Nach der Begrüßung folgte eine Koranrezitation durch den Religionsbeauftragten der Zentralmoschee, Gökhan Uygun. Im Anschluss sprachen Ramazan Ilıkkan und Oberbürgermeister Torsten Burmester zu den Gästen. MoscheeForum-Direktor Murat Şahinarslan richtete mit seinem thematischen Impuls „Moscheen tragen Gesellschaft“ den Blick anschließend auf die konkrete gesellschaftliche Arbeit der Zentralmoschee in Köln. Musikalisch-spirituell begleitet wurde der Auftakt durch das DITIB Sufi Ensemble unter der Leitung von Dr. Adem Kemaneci.
Ramazan Ilıkkan: Muslimisches Leben trägt Verantwortung für die gemeinsame Zukunft
DITIB-Bundesvorsitzender Ramazan Ilıkkan stellte in seinem Grußwort die Frage in den Mittelpunkt, was eine Gesellschaft in Zeiten zunehmender Unsicherheit zusammenhält. „Muslimisches Leben ist Teil der Gegenwart unseres Landes und trägt Verantwortung für seine Zukunft“, sagte Ilıkkan. Das Grundgesetz bilde den verbindlichen rechtlichen Rahmen des gemeinsamen Zusammenlebens; religiöser Glaube gebe Musliminnen und Muslimen Orientierung für verantwortliches Handeln. Mit Blick auf das diesjährige Motto betonte Ilıkkan die Rolle der Moscheegemeinden als Teil der Zivilgesellschaft. Ihre Arbeit reiche von religiöser Orientierung über Kinder-, Jugend-, Familien- und Seniorenarbeit bis hin zu Bildung, Beratung, sozialen Hilfen, Kultur und gesellschaftlicher Begegnung. Dabei verwies er auch auf die besondere Architektur der Zentralmoschee. Die großen Glasflächen des Hauses seien für ihn ein Sinnbild des Anspruchs, offen, transparent und ansprechbar zu sein.
Der Tag der offenen Moschee stehe nach drei Jahrzehnten vor allem für direkte Begegnung. „Der Tag der offenen Moschee lädt dazu ein, nicht nur über Moscheen und Muslime zu sprechen, sondern mit den Menschen in den Gemeinden“, so Ilıkkan. Seine Ausführungen verband der Bundesvorsitzende mit drei Leitbegriffen aus der islamischen Tradition: Kennenlernen, Würde und Verantwortung. Diese Verantwortung ende nicht an den Grenzen der eigenen Gemeinde, sondern umfasse ebenso Nachbarschaft und Gemeinwesen.
Oberbürgermeister Torsten Burmester: „Wer eine Moschee betritt, begegnet Menschen statt Schlagzeilen“
Oberbürgermeister Torsten Burmester stellte zu Beginn seines Grußwortes drei Begriffe voran: Anerkennung, Respekt und Freude. Anerkennung gelte dem Beitrag der Religionsgemeinschaft zum sozialen Zusammenhalt der Stadt, Respekt dem gemeinsamen Wirken der Religionsgemeinschaften und Freude der großen Zahl an Menschen, die an diesem Tag die Zentralmoschee besuchten. Mit Blick auf das diesjährige Motto stellte Burmester heraus, dass die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenleben nicht allein durch Gesetze beantwortet werde. Wie Menschen miteinander leben, miteinander streiten und füreinander einstehen, entscheide sich wesentlich im Alltag. Niemand sei darin lediglich Zuschauer, sondern Nachbar und Teil des gesellschaftlichen Miteinanders. Moscheegemeinden seien in Köln längst Orte, an denen nicht nur gebetet werde. Dort werde beraten, gelernt, geholfen und gefeiert; Kinder und Jugendliche fänden einen Platz, Ehrenamtliche übernähmen Verantwortung. Die Gemeinden leisteten damit täglich einen Beitrag zur Stadtgesellschaft.
Burmester betonte zugleich die Bedeutung der gemeinsamen demokratischen Werte. Diese seien nicht verhandelbar und bildeten das Fundament der Kölner Stadtgesellschaft. Als einen Ort, an dem diese gemeinsame Verantwortung sichtbar werde, hob er den Rat der Religionen hervor und dankte DITIB für ihr langjähriges Engagement und ihre Dialogbereitschaft. Die erneuerte Kölner Friedensverpflichtung bezeichnete er als starkes Zeichen für den Dialog der Religionen in der Stadt. Besonders deutlich wurde der Oberbürgermeister mit Blick auf die unmittelbare Begegnung: „Wer eine Moschee betritt, begegnet Menschen statt Schlagzeilen und hört persönliche Geschichten statt Klischees.“ Er rief die Kölnerinnen und Kölner deshalb dazu auf, den Tag der offenen Moschee aktiv zu nutzen: hinzugehen, Fragen zu stellen und zuzuhören. Seine zentrale Botschaft fasste Burmester zum Abschluss so zusammen: „Unsere Gemeinschaft wird stärker, wenn wir uns kennen, wenn wir miteinander reden statt übereinander.“
Der Oberbürgermeister erinnerte darüber hinaus an den verstorbenen früheren Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma und würdigte dessen Einsatz für die Realisierung der Zentralmoschee. Er hob hervor, dass Schramma das Projekt auch angesichts von Widerständen und persönlichen Belastungen vorangebracht habe.
MoscheeForum: Aus Sichtbarkeit müssen Beziehungen entstehen
MoscheeForum-Direktor Murat Şahinarslan richtete den Blick anschließend bewusst auf die Kölner Ebene und auf die Frage, wie das bundesweite Motto an der Zentralmoschee konkret gelebt wird. Das MoscheeForum verstehe sich dabei als Schnittstelle zwischen Moscheegemeinde, Stadtgesellschaft und kommunalen Akteuren – als Gastgeber, Vermittler, Bildungsakteur und Kooperationspartner. Allein im Jahr 2025 wurden in der Zentralmoschee 830 angemeldete Gruppen mit insgesamt 25.790 Menschen empfangen. Darunter waren Schulen und Hochschulen, Vereine, Religionsgemeinschaften, Unternehmen, Polizei, städtische Einrichtungen und internationale Gruppen. „Für mich sind das nicht nur Besucherzahlen. Es sind Resonanzzahlen“, sagte Şahinarslan. Sie zeigten, dass Menschen diesen Ort aufsuchten, um zu lernen, Fragen zu stellen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen.
Ein Wahrzeichen entfalte seine gesellschaftliche Bedeutung nicht allein durch seine Sichtbarkeit im Stadtbild. Entscheidend sei, dass es betretbar und erfahrbar werde: „Aus Sichtbarkeit muss Begegnung werden – und aus Begegnung können Beziehungen entstehen.“ Şahinarslan verwies auf Bildungs- und Workshopformate, Kooperationen mit Schulen und Institutionen, interreligiöse Begegnungen sowie soziale Projekte. Auch die Ramadan-Iftar-Aktion an der Universität zu Köln, Impf- und Blutspendeaktionen, Stammzelltypisierungen und die Öffnung des Hauses bei Evakuierungen nach Bombenfunden stünden für dieses Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung. „Eine Moschee trägt Gesellschaft dort, wo sie gebraucht wird“, so Şahinarslan. Teilhabe bedeute daher nicht nur, eingeladen zu werden, sondern Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem man lebe.
Gemeinsames Gedenken an Fritz Schramma
Das Gedenken an Fritz Schramma bildete einen besonderen Moment der Auftaktveranstaltung. Nachdem bereits Oberbürgermeister Burmester an den Einsatz seines Amtsvorgängers für die Zentralmoschee erinnert hatte, griff Şahinarslan aus Sicht des MoscheeForums einen weiteren Gedanken auf: Beheimatung.
Schramma habe nicht nur dazu beigetragen, dass die Zentralmoschee ihren sichtbaren Platz in Köln finden konnte, sondern sei dem Haus auch nach seiner Amtszeit als Gast, Unterstützer, Brückenbauer und Gesprächspartner verbunden geblieben. „Die Zentralmoschee hat muslimischem Leben in Köln einen sichtbaren Ort gegeben. Die Aufgabe des MoscheeForums ist es, diesen Ort immer wieder mit der Stadt zu verbinden“, sagte Şahinarslan. Er fügte hinzu: „Eine Moschee ist nicht allein deshalb beheimatet, weil ihr Gebäude an einem Ort steht. Beheimatung entsteht durch Beziehungen.“ Zum Abschluss seines Beitrags erhoben sich die Anwesenden zu einem stillen Gedenken an Fritz Schramma. Muslimische Gäste verbanden den Moment mit einem stillen Bittgebet.
Begegnung im gesamten Haus
Auch außerhalb der Auftaktveranstaltung bot die Zentralmoschee über den gesamten Tag vielfältige Möglichkeiten, das Haus und seine Arbeit kennenzulernen. Mehrere Moscheeführungen vermittelten Einblicke in Architektur und Symbolik des Gebäudes, Grundlagen des islamischen Glaubens und den muslimischen Alltag. Gäste konnten zudem das Mittags- und Nachmittagsgebet still miterleben. Die Ausstellung „Moscheen tragen Gesellschaft“ zeigte die vielfältige religiöse, soziale und gesellschaftliche Arbeit der DITIB-Gemeinden – von Jugend-, Frauen- und Familienarbeit über Bildung und Wohlfahrt bis hin zu Nachbarschaft, Ehrenamt, interreligiösem Dialog und gesellschaftlicher Teilhabe.
Bei der interaktiven „DAFÜR!“-Wand hielten Besucherinnen und Besucher eigene Gedanken zu Vielfalt, Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt fest. Das offene Format „Frag den Imam“ bot Gelegenheit zu Fragen über Islam, muslimischen Alltag und die Rolle von Moscheen. Beim Stadtgespräch „Was trägt unsere Gesellschaft? Moscheen, Religion und demokratische Verantwortung“ kamen Perspektiven aus Moschee, Verwaltung sowie Jugend-, Frauen- und Elternarbeit miteinander ins Gespräch. Die Lubna Al-Qurtubiyye Fachbibliothek für Islamische Studien, kulinarische Angebote und zahlreiche persönliche Gespräche ergänzten das Programm.
Ein Tag, der über den 3. Oktober hinausweist
Mit über 5.000 Gästen zeigte der diesjährige Tag der offenen Moschee erneut das große Interesse an unmittelbarer Begegnung, Information und Austausch. Für das MoscheeForum ist diese Öffnung nicht auf einen einzelnen Tag begrenzt. Die Zentralmoschee ist ganzjährig ein religiöser Ort und zugleich Bildungs-, Begegnungs- und Dialograum. Der 3. Oktober macht diese Arbeit in besonderer Weise sichtbar. Was Oberbürgermeister Torsten Burmester für den Tag der offenen Moschee formulierte, beschreibt daher zugleich einen wesentlichen Gedanken der Arbeit des MoscheeForums: „Unsere Gemeinschaft wird stärker, wenn wir uns kennen, wenn wir miteinander reden statt übereinander.“
Gesellschaft. Religion. Kunst und Kultur. – miteinander im Gespräch.




















