Rund 50 Teilnehmende diskutierten im MoscheeForum der Kölner Zentralmoschee mit Dr. Hakkı Arslan über das gemeinsame historische Erbe, religiöse Vielfalt und die Bedeutung europäisch-muslimischer Geschichte für die Gegenwart.
Köln, 2. November 2026. Wie eng sind die Geschichte Europas und die Geschichte des Islams miteinander verbunden? Dieser Frage widmete sich am Sonntag, dem 1. November 2026, die „Ehrenfelder Gesprächsreihe | Theologie“ im MoscheeForum der Zentralmoschee Köln. Rund 50 Interessierte kamen im Ausstellungssaal zusammen, um sich mit der Geschichte des muslimischen Al-Andalus und seinen vielfältigen Verflechtungen mit Europa auseinanderzusetzen.
Mit seinem Vortrag „Al-Andalus und Europa – Geschichte einer Verflechtung“ eröffnete Dr. Hakkı Arslan vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück den diesjährigen Themenschwerpunkt „Islam in Europa“. Im Mittelpunkt stand ein Perspektivwechsel: Die Geschichte des Islams in Europa lässt sich nicht allein als Geschichte äußerer Einflüsse oder Begegnungen zweier voneinander getrennter Kulturen beschreiben. Vielmehr ist sie Teil einer gemeinsamen historischen Entwicklung.
Al-Andalus: Eine gemeinsame europäische und muslimische Geschichte
Über nahezu acht Jahrhunderte prägten muslimische Herrschaften Teile der Iberischen Halbinsel. Dabei entwickelte sich Al-Andalus zu einem bedeutenden Raum religiöser, kultureller und wissenschaftlicher Verflechtungen. Arslan machte deutlich, dass die Geschichte dieser Epoche zugleich als Bestandteil muslimischer wie europäischer Geschichte verstanden werden müsse.
Anhand historischer Beispiele erläuterte er, wie sich gesellschaftliche Strukturen, religiöse Zugehörigkeiten und kulturelle Identitäten über Jahrhunderte gegenseitig beeinflussten und miteinander verwoben waren. Städte wie Córdoba, Sevilla und Granada entwickelten sich zeitweise zu bedeutenden europäischen Zentren des Handels, der Wissenschaft und des kulturellen Lebens.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden. Dabei warnte Arslan vor einer romantisierten Vorstellung von Al-Andalus als einem uneingeschränkten Paradies religiöser Toleranz. Zwar ermöglichten die damaligen Herrschaftsstrukturen über lange Zeiträume religiöse Koexistenz, kulturellen Austausch und gesellschaftliche Teilhabe. Zugleich bestanden rechtliche Ungleichheiten, religiöse Hierarchien und zeitweise erhebliche Konflikte.
Die Geschichte von Al-Andalus verdeutliche deshalb, dass gesellschaftliches Zusammenleben weder mit vollständiger Harmonie gleichzusetzen sei noch allein anhand religiöser Gegensätze verstanden werden könne.
Wissenschaft und Philosophie als Ausdruck historischer Verflechtung
Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Wissenstransfer zwischen der islamischen Welt und dem lateinisch-christlichen Europa. Insbesondere die Übersetzungsbewegungen in Toledo spielten dabei eine bedeutende Rolle.
Arslan zeigte anhand der Werke von al-Fārābī, Ibn Sīnā (Avicenna) und Ibn Rushd (Averroes), wie wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse über sprachliche, religiöse und geografische Grenzen hinweg weiterentwickelt und diskutiert wurden.
Diese Werke beeinflussten unter anderem die wissenschaftliche Ausbildung und philosophische Auseinandersetzung an europäischen Universitäten. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel der Rezeption islamischer Philosophie in der mittelalterlichen Scholastik und ihrer Bedeutung für Denker wie Thomas von Aquin.
Al-Andalus war dabei nicht lediglich Vermittler antiken Wissens. Die Region brachte selbst bedeutende wissenschaftliche Leistungen hervor und war Teil eines weitreichenden intellektuellen Netzwerks, in dem muslimische, jüdische und christliche Gelehrte zusammenwirkten.
Zwischen Erinnerung, Verdrängung und politischer Instrumentalisierung
Der Vortrag beleuchtete ebenso die konfliktreichen Entwicklungen im Zuge der Reconquista, die Eroberung Granadas im Jahr 1492 sowie die zunehmende religiöse Ausgrenzung bis zur Vertreibung der Morisken zwischen 1609 und 1614.
Arslan erläuterte, wie die Geschichte von Al-Andalus in späteren Jahrhunderten unterschiedlich interpretiert wurde: als vermeintliche Fremdherrschaft, als romantisierte Epoche friedlicher Koexistenz oder als Bezugspunkt kultureller und religiöser Identitätsbildung.
Auch die Bedeutung des andalusischen Erbes für jüdische Gelehrte und die jüdische Emanzipationsbewegung des 19. Jahrhunderts wurde thematisiert.
Damit rückte eine weitere zentrale Frage in den Vordergrund: Wie prägen gegenwärtige gesellschaftliche Vorstellungen unseren Blick auf die Vergangenheit, und welche historischen Erfahrungen werden dabei erinnert, verdrängt oder für politische und religiöse Zwecke vereinnahmt?
Von der historischen Verflechtung zur gesellschaftlichen Gegenwart
Im Anschluss an den wissenschaftlichen Vortrag vertiefte Murat Sahinarslan, Direktor des MoscheeForums, im moderierten Gespräch mit Dr. Hakkı Arslan die Bedeutung der historischen Erkenntnisse für das heutige Zusammenleben in Deutschland und Europa.
Im Zentrum standen Fragen nach einem europäisch-muslimischen Selbstverständnis, das nicht auf der Vorstellung voneinander getrennter kultureller Welten beruht, sondern die gemeinsame Geschichte und ihre vielschichtigen Entwicklungen berücksichtigt.
Dabei ging es auch darum, welche Bedeutung Al-Andalus für Menschen haben kann, die heute in Deutschland leben und deren Zugehörigkeit zur europäischen Gesellschaft häufig im Zusammenhang mit Migration und Integration diskutiert wird.
Ein weiterer Gesprächsschwerpunkt war der kritische Umgang mit historischen Darstellungen. Gerade in sozialen Medien werden historische Ereignisse häufig vereinfacht, romantisiert oder für politische und religiöse Argumentationen herangezogen. Diskutiert wurde deshalb, wie wissenschaftlich fundierte Geschichtsvermittlung von einseitigen oder ideologisch geprägten Deutungen unterschieden werden kann.
Auch die deutsche Bildungslandschaft wurde in den Blick genommen. Welche Veränderungen wären in der schulischen, gesellschaftlichen und muslimischen Bildungsarbeit notwendig, um die islamische und europäische Geschichte nicht länger weitgehend getrennt voneinander zu vermitteln?
Die anschließende offene Fragerunde bot den Teilnehmenden Gelegenheit, eigene Fragen einzubringen und die historischen sowie gegenwartsbezogenen Perspektiven weiter zu vertiefen.
Geschichte neu betrachten – Gemeinsamkeiten verstehen
Die Veranstaltung verdeutlichte, dass die Beschäftigung mit Al-Andalus weit über eine historische Rückschau hinausgeht. Sie eröffnet neue Perspektiven auf Fragen kultureller Identität, religiöser Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Der zentrale Gedanke des Abends war dabei, Al-Andalus nicht lediglich als islamischen Einfluss auf Europa, sondern als einen Teil der europäischen Geschichte selbst zu begreifen. Diese Perspektive hinterfragt vereinfachende Gegenüberstellungen zwischen einer vermeintlich ausschließlich christlich geprägten europäischen Geschichte und einer davon getrennten islamischen Welt.
Mit der „Ehrenfelder Gesprächsreihe | Theologie“ möchte das MoscheeForum einen Raum schaffen, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse, religiöse Perspektiven und gesellschaftliche Fragestellungen miteinander ins Gespräch gebracht werden.
Der Auftakt zum Themenschwerpunkt „Islam in Europa“ machte deutlich, welchen Beitrag eine differenzierte Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte zum besseren Verständnis unserer heutigen Gesellschaft leisten kann.
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